
Bessere Stimmung – doch manche Branchen schwächeln
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Hallo und herzlich willkommen zu diesem Interview. Es gibt positive Nachrichten für die deutsche Wirtschaft: Der Ifo Geschäftsklimaindex ist im Oktober zum sechsten Mal in Folge gestiegen und liegt nun bei 90,2 Punkten, nach 89,9 Punkten im September. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob es sich um eine Trendwende handelt, einen nachhaltigen Aufschwung oder ob es immer noch branchenspezifische Schwierigkeiten gibt.
Professor Clemens Fuß, Präsident des Ifo Instituts, erläutert die Bedeutung dieses erneuten Anstiegs. Er bestätigt, dass wir uns auf dem Weg zu einer Konjunkturerholung befinden. Wie lange diese Erholung anhalten wird, sei zwar noch unklar und es sei zu früh, um von einer mehrjährigen Wachstumsentwicklung zu sprechen, aber die aktuelle Belebung sei ein positives Zeichen, das lange Zeit gefehlt habe.
Die Ursache für diesen erneuten Anstieg liegt laut Professor Fuß in den verbesserten Erwartungen der Unternehmen, obwohl die aktuelle Geschäftslage in einigen Sektoren leicht rückläufig ist. Besonders erfreulich ist die Entwicklung in der Industrie, die lange Zeit als Sorgenkind galt. Hier hat sich sowohl die aktuelle Lage als auch die Erwartungen verbessert. Erstmals seit langer Zeit melden mehr Unternehmen eine gute Geschäftslage als eine schlechte. Dies gilt jedoch nicht für die energieintensive Industrie, die weiterhin unter den hohen Ölpreisen leidet. Der Rest der Industrie zeigt jedoch deutliche Erholungstendenzen. So profitieren beispielsweise die Hersteller elektrischer Ausrüstungen von Digitalisierungsbemühungen, und auch der Maschinenbau, der lange Zeit zu kämpfen hatte, verzeichnet eine gewisse Erholung.
Bei den Dienstleistungen gab es hingegen einen leichten Rückgang. Dies ist unter anderem auf schlechtere Zahlen im Transport- und Logistiksektor zurückzuführen, was mit den hohen Dieselpreisen zusammenhängen dürfte. Auch das Wohnungswesen verzeichnet keine guten Ergebnisse, wahrscheinlich bedingt durch die hohen Zinsen, die potenzielle Käufer abschrecken. Der Handel zeigt keine deutlichen Veränderungen, wobei der Großhandel etwas besser abschneidet als der Einzelhandel.
Die Bauindustrie präsentiert sich weiterhin gespalten. Der Tiefbau profitiert von staatlichen Aufträgen und entwickelt sich gut. Der Hochbau hingegen schneidet im Oktober erneut schlechter ab. Hauptprobleme hier sind die hohen Zinsen, die gestiegenen Baukosten und die anhaltenden Debatten um Enteignungen, die Investoren derzeit von Deutschland fernhalten.
Professor Fuß betont, dass die Unternehmen die verbesserte Stimmung spüren, beispielsweise durch steigende Auftragszahlen. Sowohl im Inland, wo staatliche Aufträge eine Rolle spielen, als auch im Ausland konnten deutsche Unternehmen ihre Position trotz hoher Kosten konsolidieren und sich anpassen, möglicherweise auch durch die Erschließung neuer Märkte, da der Zugang zu Märkten in den USA (wegen Zöllen) und China (wegen starker Konkurrenz und geringerer Nachfrage nach deutschen Produkten) schwieriger geworden ist.
Trotz geopolitischer Unsicherheiten und Konflikte zeigt sich die deutsche Wirtschaft als robust. Sie ist nicht mehr so stark ölabhängig wie in den 1970er Jahren. Zwar belasten Faktoren wie das Niedrigwasser im Rhein, das insbesondere die chemische Industrie trifft, doch ein Teil der chemischen Industrie hat sich bereits mit energieintensiven Produkten abgewandt. Interessanterweise profitierte die chemische Industrie in Deutschland kurzfristig auch davon, dass die chemische Industrie aus Golfstaaten nicht mehr liefern konnte, was zu einer teilweisen Verlagerung der Produktion nach Deutschland führte. Langfristig seien die hiesigen Energiepreise jedoch zu hoch. Die geopolitischen Konflikte führen auch dazu, dass Europa sich verstärkt um neue Handelsabkommen bemüht, was als stabilisierender Faktor wirkt. Nichtsdestotrotz bleiben die Unsicherheit über den Ukrainekrieg und die Bedrohung durch Russland Belastungsfaktoren für die deutsche Wirtschaft.
Die größte Herausforderung für die deutsche Wirtschaft sieht Professor Fuß in den stark steigenden Kosten in vielen Sektoren, kombiniert mit mangelnder Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland sei nicht in ausreichendem Maße innovativ, um diese Kostennachteile auszugleichen. Innovation sei der Schlüssel zur Differenzierung von anderen Volkswirtschaften und zur Erhaltung des Wohlstands. Allein durch Kostensenkungen könne man langfristig nicht bestehen.
Im verarbeitenden Gewerbe hat sich der Index zwar deutlich verbessert, aber nicht alle Branchen profitieren gleichermaßen. Die Automobilbranche bleibt ein Sorgenkind, ebenso wie die energieintensive Industrie, die unter der Energieverknappung und den hohen Energiepreisen leidet. Positiv entwickeln sich hingegen Branchen, die sich mit Digitalisierung und Ausrüstung für künstliche Intelligenz beschäftigen, wie die Hersteller elektrischer Ausrüstungen und der Maschinenbau.
Bei den Dienstleistungen stechen insbesondere IT-Dienstleister positiv hervor, was eng mit der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zusammenhängt. Unternehmen rüsten sich mit Hardware aus, benötigen aber auch die entsprechenden IT-Experten, was die Nachfrage in diesem Sektor antreibt.
Im Groß- und Einzelhandel entwickelt sich der Großhandel besser als der Einzelhandel. Die Inflationssorgen werden zwar diskutiert, doch Professor Fuß relativiert die Auswirkungen auf die Kaufkraft. Im Durchschnitt seien die verfügbaren Einkommen in den letzten Jahren nicht stärker gestiegen als die Inflation, was bedeutet, dass die reale Kaufkraft weitgehend erhalten geblieben ist. Die Wahrnehmung einzelner stark gestiegener Preise, wie Benzin, könne jedoch zu dem falschen Eindruck führen, dass man sich weniger leisten könne. Die Preise für andere Güter seien gefallen oder die Mieten seien langsamer gestiegen. Dennoch ist es für den Einzelhandel nicht förderlich, wenn Menschen mehr für Energie ausgeben müssen und dadurch bei anderen Anschaffungen sparen. Hinzu kommt der anhaltende Druck durch den zunehmend wettbewerbsfähigen Onlinehandel.
Was die Inflation betrifft, erwartet Professor Fuß in den nächsten Monaten einen leichten Anstieg, bedingt durch die erneute Erhöhung der Ölpreise. Eine Beruhigung der Inflation wird für die zweite Jahreshälfte 2027 erwartet.
Im Bauwesen hat sich das Geschäftsklima ebenfalls verbessert, aber die Spaltung zwischen Tiefbau und Hochbau bleibt bestehen. Der Tiefbau profitiert von staatlichen Aufträgen und der Hoffnung auf verstärkte öffentliche Investitionen. Im Hochbau hingegen sind die hohen Zinsen und die regulierten Mieten, trotz Wohnungsknappheit, sowie die Debatten um Enteignungen hinderlich für Investitionen.
Professor Fuß räumt ein, dass es normal ist, dass sich verschiedene Branchen unterschiedlich entwickeln und dass dies von politischen Entscheidungen und weltwirtschaftlichen Entwicklungen abhängt. Die künftige Entwicklung in der Industrie, insbesondere bei heimischen Aufträgen, wird stark davon abhängen, ob Deutschland als Wirtschaftsstandort durch Reformen wieder attraktiver wird. Er kritisiert, dass private Investitionen seit Jahren stagnieren oder sogar fallen und Deutschland auf dem Niveau von 2015 angekommen ist – eine „verlorene Dekade“. Er fordert politische Signale für Reformfähigkeit, kürzere Genehmigungsverfahren und eine Senkung der Staatsausgaben, um Steuererhöhungen zu vermeiden und Investoren anzulocken. Bisher fehle es an Einigkeit über Reformen, und er appelliert an die Bundesregierung, Reformen bei Rente, sozialen Sicherungssystemen und am Arbeitsmarkt durchzusetzen.
Für das letzte Quartal des Jahres erwartet Professor Fuß eine Fortsetzung der Aufwärtsbewegung und eine Zunahme der Breite der konjunkturellen Erholung. Es sei denkbar, dass dies sich auch im Ifoindex niederschlagen und zu einem siebten Anstieg in Folge führen könnte.
Vielen Dank für diese Einschätzungen.