
Der CrowdStrike-Präsident: Angreifer sind in 20 Sekunden drin. Bald sind es null – Michael Sentonas
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Michael Sintonas, seit über drei Jahrzehnten in der Cybersicherheit tätig, beschreibt die dramatische Entwicklung der Bedrohungslage und die entscheidende Rolle der KI in diesem Wettrüsten zwischen Angreifern und Verteidigern. Die Angriffsgeschwindigkeit hat sich von Monaten auf Sekunden reduziert, und die Verteidiger müssen von menschlicher auf Maschinengeschwindigkeit umschalten, um Schritt zu halten.
Sintonas begann seine Karriere in einer Zeit, in der Antivirenprogramme per Diskette aktualisiert wurden und Bedrohungen Monate brauchten, um sich global auszubreiten. Heute hingegen erleben wir Angriffe in Maschinengeschwindigkeit, und die "Breakout Time" – die Zeit, die ein Angreifer benötigt, um nach dem Eindringen lateral im Netzwerk zu navigieren – ist von Stunden auf unter eine Minute, teilweise sogar 20-30 Sekunden, gesunken. Er befürchtet, dass diese Zeitspanne bald bei null liegen könnte.
Der Wechsel von McAfee zu Crowdstrike im Jahr 2016 war für Sintonas eine bewusste Entscheidung für ein Unternehmen, das mit seiner Next-Gen-Antivirentechnologie einen radikal anderen Ansatz verfolgte und den Angreifern das Leben schwer machte. Die damalige Cybersicherheitslandschaft war bereits komplex, geprägt von staatlich gelenkten Angriffen und einer stetig steigenden Zahl von Schwachstellen. Doch diese Komplexität ist heute um ein Vielfaches höher.
Ein wesentlicher Meilenstein in der Cybersicherheit ist die Veränderung der Angriffsgeschwindigkeit und der Motivation. Früher suchten Hacker oft nach Ruhm; heute dominieren finanziell motivierte Cyberkriminelle und staatliche Akteure. Die Grenzen zwischen diesen Gruppen verschwimmen zusehends, da Nationalstaaten oft Methoden von Cyberkriminellen adaptieren, um ihre Spuren zu verwischen. KI wird diese Trennlinien noch weiter aufweichen.
Crowdstrike hat eine Nomenklatur für Angreifergruppen etabliert, die auf Tiernamen basiert, um die Herkunft und Motivation der Angreifer leichter zu identifizieren. So stehen "Bär"-Namen für russische und "Panda"-Namen für chinesische Akteure. Dieses System wird zunehmend in der Branche übernommen, um die Attribution zu vereinfachen und Verteidigern ein besseres Verständnis ihrer Gegner zu ermöglichen.
Die größte Herausforderung für Unternehmen ist oft, überhaupt zu wissen, welche KI-Modelle und -Agenten in ihrer Umgebung aktiv sind. Viele Organisationen nutzen KI, ohne die volle Kontrolle oder Transparenz über deren Funktionen zu haben. Sintonas sieht dies als einen der größten technologischen Umbrüche unserer Generation, der enorme Chancen, aber auch gigantische Risiken birgt. KI kann andere KI angreifen, und unkontrollierte Agenten können zu massiven Datenverlusten führen.
Das Wettrüsten in der Cybersicherheit ist nicht neu, wird aber durch KI extrem komplex. Die entscheidende Frage ist, ob der Verteidiger oder der Angreifer die KI besser nutzt. Sintonas betont, dass die Antwort auf KI als Waffe nicht weniger KI sein kann, sondern die Bereitstellung besserer, sicherer und verantwortungsvoller KI-Tools für die Verteidiger. Crowdstrike wurde mit der Vision gegründet, KI zu nutzen, um Sicherheit effizienter und kostengünstiger zu gestalten.
Angreifer nutzen zunehmend Open-Weight-Modelle, die mittlerweile ein ähnliches Leistungsniveau wie Frontier-KI erreichen. Diese Modelle können ohne Schutzmechanismen eingesetzt werden, um Schwachstellen schnell aufzuspüren und Angriffe durchzuführen. Es ist entscheidend, dass Verteidiger Zugang zu denselben Fähigkeiten erhalten, um Schwachstellen zu finden und zu beheben, bevor Angreifer sie ausnutzen können.
Die Abwehr von Angriffen in Echtzeit auf Konzernebene erfordert einen Paradigmenwechsel. Unternehmen müssen ihre Assets kontinuierlich auf Schwachstellen prüfen und diese in Maschinengeschwindigkeit beheben. Die traditionellen Patch-Zyklen sind zu langsam. Stattdessen müssen sich Unternehmen darauf konzentrieren, die ein oder zwei kritischsten, aktiv ausgenutzten Schwachstellen täglich zu identifizieren und zu beheben.
Ein weiteres Problem sind überprivilegierte KI-Agenten, die Zugang zu Netzwerken und eigenständige Handlungsfähigkeiten haben. Sintonas warnt vor zukünftigen Datenverlustvorfällen, die durch solche Agenten verursacht werden könnten. Crowdstrike arbeitet daran, dauerhafte Privilegien für Agenten abzuschaffen und ihnen nur das absolut notwendige Minimum an Rechten für den kürzestmöglichen Zeitraum zu gewähren.
Crowdstrike hat das "Superintelligence Lab" ins Leben gerufen und das erste Produkt, Safemind, vorgestellt. Safemind besteht aus einem Red-Team-Modell (Red Tempus), das wie ein Angreifer Schwachstellen sucht, und einem Blue-Team-Modell (Blue Solano), das wie ein Verteidiger Lösungen entwickelt. Dieses Konzept des digitalen Zwillings ermöglicht es, Schwachstellen in einer sicheren Umgebung zu finden und zu beheben, bevor die Fixes in der Produktionsumgebung implementiert werden. Tests zeigen eine um 29 % höhere Erkennungsrate, sechsmal schnellere Behebung und 99 % geringere Kosten im Vergleich zu führenden Allzweck-Frontier-Modellen.
Sintonas prognostiziert, dass jeder Tag zu einem "Zero-Day-Bedrohungstag" werden könnte, da Angreifer KI nutzen werden, um unentwegt neue Angriffstechniken zu entwickeln und Schwachstellen zu verketten. Ein Zero Day ist eine neu entdeckte Schwachstelle, die bereits aktiv ausgenutzt wird, bevor ein Patch verfügbar ist. Besonders gefährdet sind Altsysteme, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind und möglicherweise keinen Support mehr erhalten.
Eine Regulierung der KI-Entwicklung, die diese verlangsamt, hält Sintonas für unrealistisch und kontraproduktiv. Die Open-Weight-Modelle sind bereits zugänglich, und Angreifer werden sie nutzen, unabhängig von Regulierungen. Eine Verlangsamung würde Verteidiger benachteiligen und zu einem Wettbewerbsnachteil führen. Stattdessen müssen wir Wege finden, die Technologie sicher und geschützt zu übernehmen, mit der richtigen Regulierung, die jedoch die Innovation nicht behindert.
Führungskräfte sollten sich aktiv mit KI auseinandersetzen, die Technologie verstehen und nicht nur darüber lesen. Es ist entscheidend zu wissen, welche KI-Tools und -Modelle im Unternehmen laufen und die Kontrolle über die "Tokens" zu behalten, um Kostenexplosionen zu vermeiden. Die Einstellung von KI-Experten ist unerlässlich.
Sintonas hebt hervor, wie KI traditionelle Angriffstechniken wie Phishing perfektioniert hat. Die Klickrate bei Phishing-Mails ist von 10 % auf über 50-60 % gestiegen, da KI die Grammatik und den Stil so perfektioniert, dass die Mails nicht mehr als Betrug erkennbar sind. Auch die Geschwindigkeit, mit der Schwachstellen ausgenutzt und zu Waffen gemacht werden, hat sich von Wochen auf Minuten reduziert.
Privatpersonen müssen hyperwachsam sein, was sie installieren, ausführen und woher es kommt. Deep Fakes und Social Engineering werden immer raffinierter. Bei Anrufen von der Bank sollte man auflegen und selbst zurückrufen. Auch das Herunterladen von Apps und Packages aus unsicheren Repositories birgt Risiken.
Crowdstrike investiert massiv in Forschung und Entwicklung, beschäftigt Hunderte von promovierten KI-Experten und arbeitet eng mit Partnern wie Nvidia, Anthropic und OpenAI zusammen. Technologien wie Falcon Guardian bieten KI-Laufzeitsicherheit auf Endgeräten und sorgen für Transparenz, Kontrolle und Governance bei der KI-Nutzung.
Crowdstrike bietet eine breite Palette an Technologien für Unternehmen jeder Größe, von Kleinbetrieben bis zu multinationalen Konzernen. Der Falcon Sensor ist ein einziges Produkt, das verschiedene Module für Malwareschutz, Datenschutz, Identitätsschutz, ET-Management, Schwachstellenmanagement und KI-gestütztes SOC bietet.
Für die nächsten 12 Monate prognostiziert Sintonas weitere Angriffe in Maschinengeschwindigkeit und eine Breakout Time von null. Seine kühnste Prognose für die nächsten 20 Jahre ist, dass das Konzept des menschlichen Verteidigers überholt sein wird. Stattdessen wird es ein Kampf zwischen KI und KI, Maschine gegen Maschine, sein, bei dem der Mensch eher eine Aufsichtsfunktion innehat, da die Geschwindigkeit menschliches Eingreifen unmöglich macht.